Ich mache mir, wie alle in der Branche, regelmäßig Gedanken zu neuer Technik, neuen Apps und der Digitalbranche generell. Mir ist aufgefallen, dass ich in diesem Prozess zur Meinungsbildung grundlegend in die jeweils progressive oder die hindernde/blockierende Haltung kategorisiere. Entweder jemand ist für das Neue und schaut in die Zukunft oder ist dagegen. Sehe ich etwas kritisch, was aktuell öfter der Fall ist, verurteile ich meine Kritik pauschal als blockierned. Ob aber das neue Produkt, die neue App, wirklich Fortschritt bedeutet, ist doch gar nicht klar. Warum ordne ich mir dann blockierende Haltung zu?
Ein Grund könnte sein, dass die vermeintlich progressive Position bereits durchgestaltet wurde — und meine Gedanken oder Kritik nur in einer Art Antwortverhältnis daherkommen. In dieser Antwort kann vielleicht nicht mehr stecken als in der eigentlichen These. Websites und Marketingrummel begleiten die "These", also die jeweils neuartige App oder das Produkt. Im Vergleich dazu wirken die Gedanken belanglos. Die Tatsache wurde ja bereits geschaffen.
Mein Problem mit der ganzen Sache ist, dass diese selbstvergebene Blockierhaltung mir die Lust nimmt, mir bessere Produkte und Apps vorzustellen. Ich erinnere mich an Zeiten von Design-Twitter und WWDC-Livestreams, nach denen man am nächsten Tag vor Inspiration nur so sprühte. Man musste alles ausprobieren, nichts wurde in die Wagschale geworfen. Das hat sich grundlegend geändert. Wenn ich an mein Homelab-Projekt denke, dann trieb mich eher gefrustete Big-Tech-Enttäuschung an, als die Idee einer fairen Softwarelandschaft. Das Antwortverhältnis trübt side projects auch durch den konstanten Vergleich. Nein Paul, eine Open Source Foto-Cloud wird nicht so schnell synchronisieren, wie die von Apple.
Ich arbeite daran, einen positiveren Blick auf das Ganze zu finden - und zukünftig eher den enshittified Produktrelease als abwegig, und hindernd einzuordnen, statt die Ideen meiner Peers und mir. Technik wird ein Teil meines Jobs bleiben. Die Prinzipien für gutes Design sind wertvoll, und im Regelfall auch ein Business-Case auf die Flanke schlechter Gestaltung. Die Frage der Inspiration bleibt.
